Butzbacher & Brommelmeier

Text + Musik: Hans König

Wer sind Butzbacher & Brommelmeier?

Butzbacher und Brommelmeier sind Theaterfiguren, die bereits Ende der 1980er Jahre entstanden. Als Protagonisten zahlreicher Mikrodramen haben sie sich innerhalb des deutschen Sprachraums auf vielen Tournee und bei Festival-Auftritten einen Namen gemacht.

Den Dichter und Sänger Brommelmeier verschlug einst der Schmerz über die Trennung von seiner großen Liebe auf das eigenwillige, wie auch bezaubernde Refugium Korsika. Dort traf er Butzbacher, einen Ex-Frisörlehrling, Seemann und genialischen Alltagphilosophen.
Viele Jahre waren Butzbacher und Brommelmeier auf der Insel als singendes Duo unterwegs, immer ein wenig auf der Flucht vor der Welt.

Alleinstellungsmerkmale ihrer Produktionen sind ihre Mikrodramen voller eigenwilliger, wirkmächtiger Sprachbilder, mit denen in der Phantasie des Publikums die schrägen Weltwinkel entstehen, in denen Butzbacher und Brommelmeier sich am liebsten aufhalten.


Die Mikrodramen emanieren einen hintergründigen, stets philosophischen Humor, in dem sich lustvolle Beschreibung menschlicher Merkmale und Selbstreflektion des Betrachters zu etwas Eigenem mischen. Butzbacher und Brommelmeier sind genaue Kommentatoren unserer diversen Bemühungen, sich im Wirklichen zu orientieren und dem Dasein Ordnung und Sinn zu geben. Ihr Blick bleibt dabei liebevoll, er hält Tragik und Komik in einer versöhnlichen Schwebe und zeigt dennoch ungebrochenen Widerstandsgeist, sich mit dem Wirklichen und dessen Gesetzen nicht abzufinden.


Der Plot wird mittels Mikrodramen erzählt, Szenen von manchmal 30 Sekunden manchmal 5 Minuten Dauer.

Stilistisches Element
Ein stilistisches Element der Mikrodramen ist das Mitsprechen der Regieanweisung.
Dieses „erledigen“ die beiden Akteure in schnellen Wechseln zwischen Spielfigur und Protagonisten.
Hierbei entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen der Position des auditiven Erzählers und der Innenwelt des Protagonisten. Der erzählende, die Szene begleitende Text, beschreibt Gedankengänge, Gefühle und deren Anwandlungen und schafft so den jeweiligen narrativen Rahmen, im dem das Publikum die Szene „liest“. Dieser Raum bietet Platz für eine literarische Bühnensprache mit komplexen psychologische Betrachtungen und oftmals metaphysischer Dimension. Und er erzeugt eine intensive Nähe zu den beiden Protagonisten und macht diese vielschichtig und nachvollziehbar wie Romanfiguren.

 

Die Protagonisten selbst sprechen in ihren Dialogen eher lakonisch, erklären oft mehr durch das Weglassen von Worten. Oftmals schafft der gesprochene Text völlig neue Wendungen.  Zwischen dem auf der Erzählebene ausgebreiteten narrativen Inhalt und den ausgesprochenen Gedanken auf der Handlungsebene soll eine Lücke entstehen, damit die anarchische Phantasie der Protagonisten, ihre verwegenen Ideen sich um so klarer von der Erwartung des Publikums abheben können. Verblüffung und Irritation sind das Amalgam des Phantastischen, was Butzbacher und Brommelmeier bei ihren meist ganz bodenständig realistischen Erlebnissen umgibt.

Zu den Figuren: Butzbacher & Brommelmeier
Brommelmeier, gebürtiger Rupert von Durchstadt und ostmärkisch-starrsinniger Abstammung, landet nach der unfreiwilligen Trennung von Jona auf Korsika – philosophierend, singend und voller Lebensschmerz. Dort trifft er Butzbacher, Frisörsohn aus Schneverdingen, frühes Objekt geschwisterlicher Experimentierfreude und nach dem ersten Ich-Erlebnis mit dem elterlichen Entsafter den humores – den Säften der Natur – eng verbunden. Zwei deutsche Existenzen, gestrandet auf Bonifacio/Korsika und schicksalhaft vereint. Dort, während ihrer Reisen über die Mittelmeerinsel, leben die beiden in doppeltem Sinne neben den Abgründen und überstehen ihre ganz alltäglichen Abenteuer.


Butzbacher & Brommelmeier sind aus dem Weltplan, also aus dem Schema der bürgerlichen Gesellschaft gefallende Clochards, die nichts mehr zu tun haben, weil sie mit der Welt nichts mehr zu tun haben

Weser Kurier


Während andere ihre Augen auf Ziele justierten, erfinden Butzbacher & Brommelmeier ihre absurde Weltsicht. Die Insel Korsika ist dabei viel mehr als nur Kulisse. Sie "weht" durch jedes der kleinen Dramen und Lieder. Ihre Wildheit, der Hauch von Melancholie in den alten Dörfern, die wie Adlernester in den Bergen hängen. Das tête à tête  korsischer Melancholie und Schönheit schaffen ein Spannungsfeld, in welches die Geschichten Butzbachers und Brommelmeiers eingefügt sind.


In „Die Liebe der Pinguine“ haben die beiden der materiellen Welt abgeschworen und sich unsicher und gleichsam unabhängig gemacht wie zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit auf Koriska, als sie freilich noch sehr viel jünger waren. Sie werfen ihren traumhaften, abseitigen Blick auf die Welt, welche sie als ein Subjekt wahrnehmen. Ein Subjekt, das sich durch ihren Blick verändert. Immer wieder stoßen sie an eine zuvor verborgene Matrix, unwirklichen, doch wirkmächtigen Ursache-Wirkungszusammenhängen, begegnen unerklärlichen Wundern, die freilich durch ihre Bereitschaft entstanden sind, ungewöhnliche Zusammenhänge wahrzunehmen. Mit dieser „Gabe“ bestückt crashen sie in die (fast) unberührte Landschaft des südlichen Polarkreises, wo der Faktizität des Moments (Minus 45 Grad) nicht zu entgehen ist. Im Kampf um das Überleben des Vogeleis in der widrigen Umgebung, werfen sie alles in die Waagschale und ihre Opferbereitschaft für das „Kleinste“ wird die Voraussetzung für die Rettung ihrer Reisegefährten.

Ab und zu den Wurzeln!

Die Road-Movie-Produktion mit Mateng Pollkläsener und Hans König

Text + Musik: Hans König

Regie: Sarah Harjes-Fritzsche

 

Synopsis
Butzbacher leidet von Woche zu Woche mehr unter seltsamen Visionen und übernatürlichen Fähigkeiten. Durch eine ärztliche Diagnose beunruhigt, macht sich Butzbacher nach 30 Jahren auf zu seinem Elternhaus, dem Frisörsalon „Damen und Herren“ in Schneverdingen.Brommelmeier begleitet ihn. Unlängst hatte er auf Korsika eine Madgeburger Unfallchirugin kennengelernt, die ihm anbot, in Sachsen-Anhalt schwererziehbaren Jugendlichen das Songschreiben beizubringen; was anfangs jedoch gründlich daneben geht. Zuhause angekommen, fällt Butzbacher aus allen Wolken, als er erfährt, wer sein wirklicher Vater ist und gerät in den Malmstrom unverarbeiteter Familienangelegenheiten. Brommelmeier knackt indessen den jugendlichen Sperriegel in seinem sächselnden Bandprojekt und verhilft den Kids sogar zu einem Regionalhit. Daraufhin liiert er sich mit einer Berliner Fernsehproduzentin und genießt die Freuden des satten bürgerlichen Lebens. Dann aber überschlagen sich die Ereignisse: Butzbacher, weiterhin von Visionen geplagt und durch die jüngsten Ereignisse voll von der Rolle, gerät beim Dartspielen im Schneverdinger Glücksspielhaus „Happy Jolly“ mit seinem aufdringlichen Ex-Schulfreund Edmund so heftig aneinander, dass ihn die Polizei in eine geschlossene Abteilung einweist. Brommelmeier muss rettend einschreiten. Es folgen ein Parforceritt durch die Lüneburger Heide, die Begegnung mit einem schamanistischen Schweinehirten und einige ebenso skurrile wie erbauende Einsichten ihn die Unglaublichkeit der menschlichen Existenz.

Warum nicht Mexico!
Die Road-Movie-Produktion mit Mateng Pollkläsener und Hans König
Text + Musik: Hans König

Regie: Sarah Harjes-Fritzsche

 

Die einstigen "Daseinsverschleißer" in Bonifacio auf Korsika zu Teilhabern eines Lokals geworden. Die munteren Exkursionen zwischen ihren Auftritten im Lokal scheinen der Suche nach einem sicheren Platz in der Welt gewichen. Doch wer Butzbacher & Brommelmeier kennt, weiß: mit ihrem neusten Stück "Warum nicht Mexiko?" stehen den zwei Lebenskünstlern turbulente Zeiten bevor. Eine fast leere Bühne und zwei Darsteller - Mateng Pollkläsener und Hans König. Understatement? Nein, nur die richtige Kombination. Die Reise, die die beiden Akteure antreten, ist nämlich schon so turbulent und fantasievoll, dass ein überladenes Bühnenbild nur stören würde. Langweilig wird es dabei in keiner Sekunde, denn was Butzbacher & Brommelmeier erleben, reicht für zwei Stunden aufregende Spielmomente. Während Brommelmeier den Herbst seines Lebens melancholisch empfängt, hat Butzbacher richtiges Liebes-Glück. Seine Flamme: die dominante Witwe und stolze korsische Patriotin Valerie Santoni. Doch das Glück scheint für die beiden Akteure vergänglich: Ein tragischer Unfall, falsche Anschuldigungen und ein Anruf aus Paris sind es, die Butzbacher und Brommelmeier auf eine lange Autoreise in Richtung Mexiko bringt. Mit Hilfe einer gealterten Rocksängerin und eines Wanderpredigers bereisen sie ein Land, in dem ihre Seele zur Landschaft wird, und sie ihren Empfindungen, Träumen und Ängsten begegnen wie lebenden Figuren - bis endlich ein kleines verlassenes Dorf mit zwei Kirchtürmen ihnen den Sinn dieser Reise offenbart.

Porte Dauphine

 

Opossum Beutelratte, Körpergröße 20–30 cm, Herkunft: Lateinamerika



 

Butzbacher und Brommelmeier leben im fünfzehnten Jahr auf der Mittelmeerinsel Korsika. Alles scheint wie immer: Das Zimmer in der Rue Archivolto, die gutmütig-mürrische Zimmerwirtin Patrona, der Himmel, das Meer, der unvergleichliche Duft der Insel. Jedoch genießen Butzbacher und Brommelmeier dies alles nicht mehr.
Brommelmeier hat das Schreiben von Liebesliedern mangels Inspiration aufgegeben und verdient ein paar Euro, in dem er der Witwe Haussmann jeden Abend vorliest, bis diese einschläft. Butzbacher, dem kürzlich ein ausgesetztes Opossum zugelaufen war, scheitert kläglich mit der Idee, dieses seltsame Tier gegen Gebühr tageweise an Touristen und Einheimische zu verleihen.



Eines Nachts jedoch erwacht Butzbacher aus dem Schlaf. Er hatte einen Traum. Er und Brommelmeier stehen an der "Porte Dauphine". Man hat sie dort hin bestellt. Sie warten. Plötzlich klopft jemand auf Butzbacher Schulter. In diesem Moment endet der Traum.
Butzbacher erfährt, dass "Porte Dauphine" der Name einer Pariser Metrostation im 13. Arrondissement ist. Butzbacher und Brommelmeier beschließen, dorthin zu fahren. er Anhalter erreichen sie nebst Opossum Paris. Als sie in den frühen Morgenstunden an der Kreuzug vis a vis der Porte Dauphine ankommen, rettet Brommelmeier einer blinden Frau, die bei Rot über die Straße laufen will, vor einem heranrasenden Lastwagen.



Sie begleiten die Blinde in ihre Wohnung, in der sie mit ihrem ebenfalls blinden Bruder lebt. Marco, der in einer Freizeit an einer umfangreichen Exegese arbeitet, die er auf Tonband aufnimmt, veranstaltet mit seiner Schwester Marie Claire Stadtführungen für Blinde mit dem Titel "Ansichten einer Stadt, die Sehende nicht sehen können". Die Geschwister bieten Butzbacher und Brommelmeier an bei ihnen zu wohnen.
Die Beiden gehen von jetzt ab täglich zur Porte Dauphine. Dort stehen sie und verfolgen mit gespannter Aufmerksamkeit das Treiben in der Station.
Gleich ob bei einem Flic, der sie anspricht oder bei einem Kind, das im Vorübergehen ein Kaugummipapier zu Boden fallen läßt, Butzbacher und Brommelmeier suchen nach Zeichen für eine Ankünpfung an Butzbachers Traum.

Sie sind bereit, hinter die Fassade der Dinge zu schauen, profane Worte und Bedeutungen in neue Zusammenhänge zu setzen. Ihrer geschärften Wahrnehmung entgeht nichts. Sie entdecken die Geheimnisse der Porte Dauphine: z.B. eine Tür im gekachelten Gang, hinter der sich der Aufenthaltsort aller in den Waschmaschinen von Paris verlorenen Socken verbirgt. Ferner finden sie in einem der Gänge einen Garten, in dem sie ein magischer Regenschirm begrüßt. Auch lernt Butzbacher eine Sauerkrautdose kennen, welche behauptet ein Teil Gottes zu sein. Ein faszinierendes Universum erschließt sich den beiden Reisenden.

Eines Tages, während Butzbacher und Brommelmeier in der Porte Dauphine alte französische Lieder singen, werden sie von einer eleganten Dame beobachtet. Besonders Butzbacher und sein Opossum scheinen es ihr angetan zu haben. Nach einiger Zeit spricht die Dame ihn an. Sie stellt sich als Madame de Guzmann vor, eine bekannte Galeristin. Sie fragt Butzbacher nach dem Opossum. Madame Guzmann ist fasziniert von diesem rattenartigen Tier und von der Verleih-Geschichte, die Butzbacher ihr da erzählt. Sie bezeichnet Butzbachers Tat als die bedeutenste Kunstaktion seit den Zeiten Marcel Duchamps. Sie lädt die beiden Männer sofort zum Essen ein und entwirft ein Konzept. Madame de Guzmann tut, was sie sagt. Ihre brillanten Kontakte nach Südamerika sorgen für die baldige Lieferung von 215 Opossums. Inzwischen werden 16 Ladengeschäfte in den verschiedenen Bezirken von Paris angemietet, in denen die Tiere tagweise und an Wochenenden für ein safftiges Entgeld entliehen werden können. Madame de Guzmann erklärt Butzbacher und Brommelmeier, dass der überbordende Aufwand an menschlicher und tierischer Arbeitskraft, an Geld und an Zeit, die Vergeblichkeit dieses Unterfangens erst richtig unterstreichen werden. Ein häßliches Tier, das keiner kennt und haben will, werde zum Star einer Aktion, deren Erfolg ihr Mißerfolg sei. Niemand solle die mondän eingerichteten Verleihsalons betreten, um wirklich ein Opossum zu leihen. Man verdeutliche so den Verzicht auf das Überflüssige als bewußte Geste und stelle somit das globale, hybride Konsumsystem, einschließlich das der Künste, in ein kritisches Licht. Butzbacher und Brommelmeier, die von all dem nichts verstehen, werden zu den Geschäftsleitern der Aktion. Madame de Guzmann läßt sie neu eingekleiden und mit einem Büro nebst Etat von vorerst 65.000 Euro versehen.
Während die Galeristin die Aktion weiter einfädelt, werden die beiden Exil-Deutsch-Korsen auf Künstlerpartys herumgereicht und werfen einen Blick in die erlauchten Kreise von Paris.
Statt an der Porte Dauphine verbringen Butzbacher und Brommelmeier nun ihre Tage in einem schicken Büro und fühlen sich überflüssiger denn je. Brommelmeier, der entdeckt, dass er nichts von Projektführung versteht, sehnt sich nach der blinden Marie-Claire und den sanften, stillen Abenden mit ihr. Allmählich (und heimlich) beginnt er wieder zu dichten. Als die Opossums schließlich eingetroffen sind und die Aktion anläuft, gibt es einen Aufschrei in der Presse, in der Politk und bei den Tierschutzverbänden.

Die Verleihsalons werden belagert, Fernsehteams geben sich die Klinke in die Hand. Butzbacher und Brommelmeier erhalten Morddrohungen. Madame de Guzmann hat einen gigantischen P.R.-Coup gelandet. Als militante Tierschützer in die Ladengeschäfte einbrechen und alle Opossums befreien, wickelt die Galeristin das Projekt so schnell wieder ab, wie sie es begonnen hat. Butzbacher und Brommelmeier bleiben die Versaceanzüge und der Rest ihres Etats von 64.000,- €. Als sie zurück in die Wohnung von Marie Claire und Marco gehen, entdecken sie, dass die Blinden verschwunden sind.
Noch einmal kehren sie an die Porte Dauphine zurück in der Hoffung, die beiden Freude dort zu treffen. Vergebens. So beschließen sie nach Korsika zurückzukehren. In der letzten Nacht in Paris träumt Butzbacher von Bonifacio auf Korsika. Man erwartet sie dort …